British Living


Hallo Leute,

nach meinen Startschwierigkeiten (siehe Beitrag vom 15.10), die wir zum Glück klären konnten, beruhigte sich alles ganz schnell.

Wie bereits im ersten Beitrag erwähnt, konnte ich auf meine Erfahrungen vom letzten Jahr zurückgreifen: 6 Wochen Porthsmouth. Entsprechend war es für mich weniger sensationell in Plymouth anzukommen und meine Abenteuerlust beschränkte sich etwas. Dieses Jahr war für mich nicht die Reise und das Abenteuer, sondern eher das Leben in Great Britain.

Passend zu diesem Gefühl war mein Praktikumsplatz bei einer Vermietungsagentur. Hauptsächlich fuhr ich mit einer Kollegin durch die Stadt, um vermietete und freie Wohnungen zu kontrollieren und mit den Mietern zu sprechen bei Problemen. Dadurch erhielt ich Einblick in die Wohn- und Lebenswelt der Briten, z.B. wie staatliche Hilfen zur Miete aussehen können, wie man sich auf der Insel bevorzugt einrichtet, Müllabholung/-deponie, die Probleme und Vorzüge der meist älteren Gebäude, besonders viele mir vorher unbekannte Türknäufe und Kniffe, um sie abschließen zu können. Vor selbst einer „modernen“ Tür zu stehen mit dem Schlüssel und daran zu verzweifeln, wie man sie nun abschließt, ist eine Situation, die die meisten wohl seit der Kindheit nicht mehr erfahren haben – doch genau so ging es mir des öfteren. Die Schnur von der Decke ist übrigens der Lichtschalter und Steckdosen haben jeweils einen eigenen Kippschalter zum Anschalten. Richtig peinlich wurde es für mich erst, als ich ernsthaft in Erwägung ziehen musste, um eine Aufklärung für DIESE EINE Toilette zu bitten. Doch als Mensch mit Verstand konnte ich mich in kurzer Zeit an die teilweise sehr alten Utensilien gewöhnen und ihre Funktionsweise verstehen. Ich musste nicht fragen. Das wäre peinlich gewesen.

Die Vielzahl der Wohnzimmer, in denen ich auf der Couch platz nehmen durfte, gewährte mir natürlich auch ein Kennenlernen der Menschen. Manchmal auch etwas näher, als mir lieb war. Interessant war es allemal. Bei einer Wohnungsbesichtigung zum Beispiel tauchte eine junge Frau in meinem Alter auf, die zu dem Zeitpunkt obdachlos war und kurz zuvor gesehen wurde, wie sie eine Zigarette hingeworfen hatte. 100 Pfund Strafzahlung – die sie nicht aufbringen kann, was sie ziemlich in Rage versetzte und ihre Gesprächigkeit sehr steigerte. Im Laufe des Gesprächs, wie sie die Kaution beantragen und einen Bürgen hinterlegen kann, erfuhren wir noch so einige Details aus ihrer Welt.

Auch meine Gastfamilie scheute sich nicht Familiengeschichten auszupacken. Zuerst war ich skeptisch, da mir die Vorabinformationen schon verrieten, dass es ein sehr religiöser Haushalt ist. Doch vor Ort merkte ich schnell, dass sie tolerant gegenüber dem säkularen Zeitgeist geblieben sind und die Stories von damals, als die eigenen Kinder als junge Erwachsene noch Zuhause gewohnt hatten, zeugten sehr von einer offenen Haltung und wir konnten sehr herzlich bei einer Tasse Tee darüber Lachen.

Ein Highlight für mich war auf jeden Fall mein Doppelbett, mein Bad und jede Menge Schokoladenkuchen. Der hat mir auch ein Paar Kilo mehr beschert, obwohl ich sehr viel auch zu Fuß auf Erkundungstour war.

 

Wo wir schon dabei sind…

Für mich liegt es auf der Hand, so gut es geht die Gegend kennen zu lernen (wenn man schon mal da ist) und entsprechend habe ich meine Nachmittage und Wochenenden mit selbstorganisierten Ausflügen verbracht.

Gleich das erste Wochenende bin ich ins Dartmoor los gestiefelt. Bepackt mit 2 Liter Wasser, Kompass, Karten, Wechselklamotten und Powerbank habe ich mich in die Nähe des Nationalparks mitnehmen lassen. 9:30 Uhr war ich an meinem Ausgangspunkt und marschierte los. Die Landschaft zeichnet sich vor allem durch Granithügel (tor) aus, weite grasbewachsene Flächen, Bäche, wilde Ponys und viele erhaltene Zeugnisse menschlicher Siedlung bis zurück in die Bronzezeit (2500BC).

Auf meinem Weg von geplant 18 km (es lief real auf 22 km hinaus; doch Planung ist definitiv unerlässlich vor so einem Trip) ging’s über Viehgatter und Ströme, in einem stand ich versehentlich knietief, über andere musste ich einen Hechtsprung wagen, zu Steinkreisen und musste ein Pony überzeugen, meinen Rucksack samt meinem Essen nicht mitzunehmen. Doch als ich auf Gutter Tor stand, ihn bezwungen hatte und auf das weite Land unter mir blickte, war es mir jede Mühseligkeit wert. Ich fühlte mich wie der König der Welt. Vielleicht sogar des Universums.

Solltest du, lieber Leser, mal die Möglichkeit haben ins Dartmoor zu gehen: tu es! Vertrau mir.

 

Als ich 17:45 Uhr wieder eine Bushaltestelle erreichte, um in die Zivilisation zurück zu kehren, war ich zwar erschöpft, doch super glücklich.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Fast schon „langweilig“ hingegen war mein Ausflug nach Exeter. Diese Stadt ist per Zug in einer Stunde von Plymouth erreichbar. Während alle von den Shoppingmöglichkeiten in der Stadt reden, bin ich auch dort eher auf alten Pfaden gewandert und habe mich von der Kathedrale begeistern lassen. Für mich ist es faszinierend, dass auf der Insel Kirchenausstattung aus Holz existiert, das ins Mittelalter zurück datierbar ist. Holzarbeiten aus dem Mittelalter. So etwas ist hierzulande zumindest in städtischen Gegenden undenkbar. Für einen kulturbegeisterten Menschen wie mich ist es ganz großes Kino in England so viele Schätze der Vergangenheit noch erhalten zu sehen.

 

 

 

In Plymouth selbst hab ich mich selbstverständlich ebenso umgetrieben. Auch mal Sonntags morgens gegen 5 Uhr um ein als „unzugänglich“ eingestuftes Denkmal besichtigen zu können. Eine durch die Luftwaffe zerstörte Kirche, deren Außenmauern noch mitten in einem Verkehrsknotenpunkt stehen. Unzugänglich? Tagsüber – ja! Doch wer clever und flexibel ist…

 

 

 

 

Gefreut hat mich auch die Fortsetzung meiner kleinen letztes Jahr gestarteten Reihen mit Bildern, die nicht gerade die große Kunst sein mögen, doch mich einfach erheitern und damit ihren Zweck erfüllen.

 

 

 

 

 

 

Leider war für mich nicht mehr drin, denn mitten während meines Aufenthaltes habe ich mir eine ordentliche Erkältung gefangen und war mein letztes Wochenende gezwungen im Bett zu bleiben. Trotzdem habe ich sie leider noch nach Hause mitgebracht. Außerdem ist das Wetter zu diesem Zeitpunkt ins englische Klischee verfallen: Regen. Jeden Tag.

 

Stattdessen erfuhr ich mehr über das Alltagsleben, das britishe Selbstverständnis und lernte mehr über die Festlichkeiten und Gedenktage im Herbst und fragte mich, warum weder Bonfire Night noch Remembereance Day mir etwas sagten. Google hat mir da schnell geholfen.

 

 

 

Erwähnenswert und zu meiner großen Erleichterung fand ich den örtlichen Dialekt besser verständlich als Porthsmouth. Meine Gastmutter sagte dazu „Yes, they are weird. That’s because they live on an island.“

Die Ironie schien ihr nicht aufgefallen zu sein.

 

 

 

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