Praktikum in Wroclaw/Polen vom 08.05.-28.05.2016


Im Rahmen meiner Ausbildung am Berufsbildungswerk Neckargemünd verbrachte ich drei Wochen in Wroclaw, das im deutschsprachigen Raum als Breslau bekannt ist, weil es von 1741 bis 1945 zu Deutschland gehörte. Meine Wahl fiel deshalb auf diese Stadt, weil ich das Auslandspraktikum vor allem zum Sightseeing und eher weniger zum Erlernen einer Fremdsprache nutzen wollte.

Am BBW mache ich eine Ausbildung zum Steuerfachangestellten. In diesem Beruf ist es auf Grund der von Staat zu Staat unterschiedlichen Steuersätze nicht wirklich sinnvoll, im Ausland ein berufsspezifisches Praktikum zu absolvieren. Deshalb wurden mir von Frau Helmle, der Koordinatorin, Praktikumsplätze in Buchhaltungsbetrieben angeboten.

Ich hatte die Wahl zwischen zwei Firmen und entschied mich für die Firma DP Synergia.

Am Sonntag, den 08.05.2016 fuhr ich mit der Bahn an den Flughafen Frankfurt, wo ich mit Frau Helmle verabredet war. Sie flog mit mir nach Wroclaw und blieb dort bis zum Mittwochmorgen, damit ich in den ersten Tagen eine deutschsprachige Kontaktperson hatte.

Vom Flughafen Wroclaw fuhren wir mit dem Taxi zu meinem Quartier, dem „Boogie Hostel Deluxe“. Dort lernte ich Ania von Futurum, der lokalen Partnerorganisation der SRH, kennen. Ania war die Vermittlerin zwischen DP und mir sowie Ansprechpartnerin bei Problemen. Sie und ich konnten uns nur auf Englisch verständigen, was aber für mich kein Problem darstellte.

Abends machten Frau Helmle, Ania und ich noch einen Spaziergang zum Rathausplatz, der nur etwa 3-4 Gehminuten von meinem Hostel entfernt war. Dort hatte Ania für Frau Helmle und mich in einem Restaurant, dessen Speisekarte ausschließlich aus verschiedenen Varianten von Piroggi bestand, einen Tisch reserviert. Piroggi sind quasi die Maultaschen aus Polen bzw. generell aus dem nördlichen Osteuropa. Statt Nudelteig kann man auch Hefeteig verwenden. Für die Füllung kann man eigentlich alles verwenden, auch Süßes wie z. B. Obst. Weil wir aber großen Hunger hatten, entschieden wir uns jeweils für eine herzhafte Variante.

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Der Rathausplatz verläuft ringförmig um einen Block, bei dem die Westseite vom Neuen Rathaus (oberes Bild) und die Südseite vom Alten Rathaus (unteres Bild) gebildet wird. Am äußeren Rand befinden sich viele bunte, schmale und reich verzierte Häuser.

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Da sich das Hostel westlich des Platzes und die Piroggeria – diesen Begriff gibt es tatsächlich – auf der Südseite des Platzes befand, konnte ich diese Seiten schon am ersten Abend betrachten. Gerne hätte ich noch den prächtigen Giebel auf der Ostseite des Alten Rathauses betrachtet, doch nach dem langen Tag wollte ich nur noch ins Bett.

In dem Hostel selbst gab es keine Verpflegung, aber es gab ein Restaurant nur etwa zwei Gehminuten entfernt, in dem man als Gast des Hostels Frühstück, Mittag- und Abendessen bekam. Es hieß „Pod strusiem“, also „Zum (Vogel) Strauß“, und war im Stil einer Bar im australischen Outback eingerichtet. Das Personal war sehr freundlich und das Essen sehr lecker, allerdings auch etwas eintönig. Es gab oft Steak oder Hähnchenschenkel, dazu Kartoffelbrei oder Pommes sowie kalten Rot- oder Weißkohl. Manchmal gab es aber auch Pizza oder Nudeln, und zum Mittagessen immer eine Suppe, die manchmal so üppig war, dass ich mich gefragt habe, ob das nicht schon der Hauptgang war.
Direkt neben dem Restaurant gab es noch einen kleinen Laden, in dem ich meinen sonstigen Lebensmittelbedarf einkaufte.

Am nächsten Tag, dem Montag, fuhren Frau Helmle, Ania und ich mit der Straßenbahn zu DP. Dort lernte ich zuerst Pawel, den Besitzer des Büros, und danach das übrige Kollegium kennen.

Alle waren sehr nett, sodass ich mich sehr wohlfühlte.

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Meine Hauptaufgaben waren Ablage machen, Belege kopieren und Excel-Tabellen durchrechnen. Manchmal durfte ich auch mit Hilfe von Börsendaten Eurobeträge in polnische Zloty umrechnen. Meine Arbeitszeiten waren morgens von 8 bis 12.30 Uhr und nachmittags von 14 bis 16 Uhr. Die lange Mittagspause benötigte ich, weil alleine die Fahrt vom Büro zum Restaurant etwa eine halbe Stunde dauerte.

Nach der Arbeit hatte ich montags, mittwochs und donnerstags noch Polnischunterricht. Adam, mein „Lehrer“, hatte genau das richtige Verhältnis zwischen lässig und fordernd, sodass ich mit seinem Unterrichtsstil gut klargekommen bin, auch wenn es am Anfang ziemlich anstrengend war, die Worte richtig auszusprechen, vor allem die, bei denen sich ein Konsonant an den anderen reihte. Immer öfter benutzte ich polnische Wörter in der Kommunikation mit meinen „Kollegen“, Ania und Adam.

Am ersten Dienstag, nachdem ich von der Arbeit zurückgekommen war, führte Ania Frau Helmle und mich durch die Altstadt. Diese ist sehr kompakt und auch größtenteils verkehrsberuhigt, wodurch sie noch romantischer ist als sie ohnehin schon ist, wegen der mittelalterlichen Gassen und teilweise auch der Lage auf kleinen Flussinseln.

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Der Salzmarkt, der an das südwestliche Ende des Rathausplatzes anschließt, war die erste Station. In der Passage rechts unten am ganz rechten Haus befindet sich das Restaurant, eine Straßenecke weiter das Hostel. In einem der linken Häuser befindet sich die Eisdiele „La Scala“, die als die beste in der ganzen Stadt gilt

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Danach sind wir über die Südseite des Rathausplatzes zum bereits erwähnten Ostgiebel gelangt, der bei direktem Davorstehen noch prachtvoller wirkt als auf Bildern.

Unser nächstes Ziel war die Maria-Magdalena-Kirche. Zwischen ihren zwei Türmen befindet sich eine Brücke, von der aus man einen freien und nicht von Schutzgittern versperrten Blick über die Stadt hat.

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Blick auf den Rathausplatz


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Auf diesem Bild sieht man den weiteren Verlauf unseres Weges. Zunächst kamen wir zur Adalbertkirche, die Kirche ganz rechts im Bild. Wie alle folgenden Kirchen haben wir sie nur von außen betrachtet. Zu den Kirchen links im Hintergrund sind wir auch noch gelaufen, dazu später mehr. Denn wir machten noch einen Abstecher zum „Panorama Raclawicka“, also Panorama von Raclawice. Dabei handelt es sich um ein Rundgemälde, das eine Schlacht von Polen gegen Russland zeigt, die das polnische Heer gewann. Dass der Krieg, in dessen Rahmen die Schlacht stattfand, am Ende von Russland gewonnen wurde, schmälert den Stolz des polnischen Volkes über diesen Sieg keinesfalls. Aufbewahrt wird das Gemälde in dem unten gezeigten Gebäude. Es ist nur im Rahmen von Führungen zugänglich, die zwar jede halbe Stunde stattfinden, aber nur eine begrenzte Teilnehmerzahl aufweisen. Aber meine persönliche Erfahrung zeigt: An einem kühlen, grauen Sonntag gibt es um etwa 10 Uhr noch für alle Führungen ab 13.30 Uhr Tickets. Mit Audioguides kann man auch auf Deutsch alle wichtigen Informationen zu dem jeweiligen Bildausschnitt erhalten, ein Besuch lohnt sich definitiv.

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Zurück zum Stadtrundgang: Vom Panorama Raclawicka liefen wir zur Oder und dann an deren Ufer über einen Weg, an dessen einer Seite ein Park war und auf der anderen Seite ein schöner Blick auf die Oder und das andere Ufer mit den vorhin erwähnten Kirchen (Bild unten).

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Die linke Kirche befindet sich auf der Sandinsel. Über diese muss man laufen, wenn man zur Dominsel mit den anderen beiden Kirchen, darunter dem doppeltürmigen Dom, gelangen will. Dieser ist Johannes dem Täufer geweiht, dessen Kopf auch auf dem Breslauer Stadtwappen zu sehen ist.

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Über diese Brücke gelangt man von der Sandinsel auf die Dominsel. Sie ist nur für besonders berechtigte Kraftfahrzeuge befahrbar, ansonsten gehört sie den Fußgängern, Radfahrern und den Bähnchen und Pferdekutschen der Touristenführer.

An einem Wochenende habe ich den Dom von innen besichtigt und bin auf den Turm gestiegen, wobei ein Teil dieser Strecke per Fahrstuhl zurückgelegt wird. Dabei entstanden die Bilder unten.

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Der Turm links im Hintergrund ist das höchste Gebäude Polens, hat für meinen Aufenthalt aber noch eine andere Bedeutung: Ich bin auf dem Weg zur Arbeit und wieder zurück mit der Straßenbahn daran vorbeigefahren. Direkt davor befindet sich eine Straßenbahnstation. Auf dem Weg zur Arbeit habe ich an der darauffolgenden Station aussteigen müssen. Rechts davon sieht man die Kirchen rund um den Rathausplatz.

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Vom Dom aus liefen wir wieder Richtung Hostel, vorbei an der Universität mit ihrem prächtigen Portal und durch ein Gebiet mit vielen schlichten, aber bunten Fassaden.

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Danach waren wir wieder im Hostel. Auch in dessen näherer Umgebung gibt es einige interessante Gebäude.

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Die einzige Synagoge in Breslau, die die Reichspogromnacht überstand

Die Bibliothek, von jungen Breslauern oft mit Hogwarts verglichen

Die Bibliothek, von jungen Breslauern oft mit Hogwarts verglichen

Bunte Fassaden an der Straßenbahnhaltestelle beim Hostel

Bunte Fassaden an der Straßenbahnhaltestelle beim Hostel

In Breslau gibt es aber auch zwei schöne Grünanlagen, nämlich den Botanischen Garten, der sich auf der der Altstadt abgewandten Seite des Doms befindet, sowie den Scheitniger Park. Letzterer ist von der Innenstadt etwa 20 Straßenbahnminuten entfernt. Dennoch lohnt sich ein Besuch, da sich dort sowie in unmittelbarer Nähe mehrere interessante Gebäude befinden.

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Im Botanischen Garten

Im Scheitniger Park steht die ehemalige Kirche eines nahegelegenen Dorfs

Im Scheitniger Park steht die ehemalige Kirche eines nahegelegenen Dorfs

Das Ensemble aus Jahrhunderthalle, Vier-Kuppel-Pavillon und Stahlnadel befindet sich in unmittelbarer Nähe zum Scheitniger Park

Das Ensemble aus Jahrhunderthalle, Vier-Kuppel-Pavillon und Stahlnadel befindet sich in unmittelbarer Nähe zum Scheitniger Park

Aus dieser Perspektive kann man nur drei Kuppeln des Pavillons erkennen, dafür aber auch den See mit seinen Wasserspielen…

Aus dieser Perspektive kann man nur drei Kuppeln des Pavillons erkennen, dafür aber auch den See mit seinen Wasserspielen…

…die zur vollen Stunde besonders spektakulär sind

…die zur vollen Stunde besonders spektakulär sind

Am Freitag, den 27.05., hatte ich wegen des Feiertags Fronleichnam einen Brückentag. Da ich in Breslau alles für mich Interessante gesehen hatte, beschloss ich, nach Swidnica bzw. Schweidnitz zu fahren. Ania erklärte mir, wie ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln dort hinkomme, und es hat alles gut geklappt, auch wenn ich den Bus, den ich nehmen wollte, gerade so noch bekam, obwohl ich rechtzeitig das Hostel verlassen hatte. Das besondere an Schweidnitz ist die Friedenskirche. Von diesen gibt es in Schlesien insgesamt drei. Dabei handelt es sich um Kirchen, die sich die im Dreißigjährigen Krieg unterdrückte protestantische Bevölkerungsminderheit auf Grund des Westfälischen Friedens zum Abhalten von Gottesdiensten bauen durfte. Die Gemeinden bekamen aber von der streng katholischen Regierung die Auflage, dass die Gebäude von außen nicht als Kirche erkennbar sein sollten, sodass die Fassaden im Fachwerkstil errichtet wurden und das Gebäude auch keinen Turm besitzen durfte. Für die Innenausstattung gab es allerdings keine Auflagen, sodass man gemäß den protestantischen Regeln einen prächtigen Innenraum herstellte. Dieser Stilmix ist das Besondere und Beeindruckende an diesen Kirchen.

Die Kirche von außen…

Die Kirche von außen…

…und von innen

…und von innen

Anschließend ging ich noch in die Altstadt. Ich wusste nicht, was mich dort erwartete, doch es hat sich auf jeden Fall gelohnt, wie die folgenden Bilder zeigen.

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Am nächsten Tag musste ich schon zur nachtschlafenden Zeit von 4 Uhr morgens das Hostel verlassen, da bereits um 6.15 Uhr mein Flugzeug nach Frankfurt abflog. Da es aber auf Grund der Jahreszeit relativ früh hell war, machte mir das weniger aus wie ich zuerst befürchtet hatte.

Bereits bei der Ankunft kam mir der Flughafen sehr klein vor. Beim Einchecken, wo man die Größe eines Flughafens noch mehr wahrnimmt, bestätigte sich dies.

Es gibt insgesamt nur zwölf Abfluggates. Der Sitz ganz unten rechts im Bild gehört zur ersten Reihe des Wartebereichs.

Es gibt insgesamt nur zwölf Abfluggates. Der Sitz ganz unten rechts im Bild gehört zur ersten Reihe des Wartebereichs.

Müde, aber auch glücklich und entspannt, kam ich kurz nach 9.30 Uhr wieder an meinem Heimatbahnhof an.

Ich kann die Teilnahme an einem solchen Praktikum nur empfehlen, da man dadurch einerseits mit Menschen aus einem anderen Land in Kontakt kommt und lernt, sich in einem fremden Land mit einer fremden Sprache selbstständig zurechtzufinden, andererseits kann man ohne Kosten für Übernachtung und Hauptmahlzeiten eine Stadt oder Region besichtigen.

Für drei Wochen ist ein Geldbetrag von 200 Zloty, also etwa 50 Euro, empfehlenswert. Hier ein paar Preise:

  • Eintritt Panorama Raclawicka: 23 Zloty
  • Eintritt Botanischer Garten: 5 Zloty
  • Busfahrt Breslau-Schweidnitz-Breslau plus Eintritt Friedenskirche: 18 Zloty
  • Der Scheitniger Park ist frei zugänglich
  • Sixpack Mineralwasser 1,5 l pro Flasche: ca. 15 Zloty
  • Tafel Schokolade oder Tüte Chips: ca. 3 Zloty
  • Normal großer Apfel: ca. 0,50 Zloty

Ich hoffe, dass ich hiermit erfolgreich Werbung für ein Auslandspraktikum in Breslau gemacht habe und wünsche allen, die dorthin fahren oder fliegen, schon einmal viel Spaß.

 

 

 

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